Harald Yung

Harald Yung

Harald Yung war ein Modellflieger, der seine eigenen Konstruktionen gerne mit anderen teilte. Er arbeitete von Anfang an eng mit dem VEB MOBA (PGH HAWEGE) zusammen.

 

Harald Yung wurde am 01.10.1923 in Leipzig geboren. Der Nachnamen klingt und ist auch nicht Deutsch. Sein Großvater Arthur Young stammte aus Schottland. Die Familie Young wanderte nach Amerika aus und Arthur Young kam um 1890 nach Deutschland. In Leipzig kaufte er sich in einen Kohlehandel ein, den er später alleine weiter führte. Den Namen änderte er dann auf „Yung“. Das Geschäft in der Rosa-Luxemburg-Str. (in der Nähe vom Bahnhof) vergrößerte sich und schon Anfang des 19. Jahrhunderts und belieferte ganz Leipzig mit Kohlen. Zu den Großkunden gehörten neben den kleinen Kohlehändlern die Stadtwerke und der Bahnhof.

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Harald Yung wuchs in einer gut bürgerlichen Familie auf. Schon in seiner Kinder- und Jugendzeit interessierte er sich für Flugzeug bzw. das Fliegen (Segelflugzeuge). Nach dem Abitur schrieb er sich an der Universität ein. Er wollte Physik studieren.

Gummimotormodelle gebaut von H. Yung
Modell 3
Gummimotormodell Klemm 25
Modell 1
Freiflugwettbewerb Ende der 30er Jahre
Harald Yung 1

Der Zweite Weltkrieg begann und die komplette Schulklasse meldete sich freiwillig zum Wehrdienst. Dadurch konnte man frei wählen, wo der Wehrdienst absolviert werden sollte. Harald Yung wollte und kam im März 1942 zur Luftwaffe und wurde Pilot.  Zum Glück wurde er nicht mehr als Bomber- bzw. Kampfpilot eingesetzt und flog somit keine Fronteinsätze. Eine Zeit lang war in in Südfrankreich stationiert.  Seinen letzten Flug absolvierte er Ostern 1945. Er flog von Würzburg nach Crailsheim und dann weiter nach Amberg. Zwischen Würzburg und Crailsheim musste der dann in Finsterlohr (Creglingen) wegen Bodennebel notlanden. Das Flugzeug kam nicht zu Bruch. Später flog er dann weiter nach Crailsheim. Nach 2 Tagen kam der Befehl nach Amberg weiter zu fliegen. Wegen Fliegeralarm konnte aber erst Abends gestartet werden. Doch Motoraussetzer in 10 Metern Höhe zwangen zum Startabbruch. In der Nacht wurde das Flugzeug repariert. Am nächsten Tag konnte dann endlich nach Amberg weiter  geflogen werden. In Haralds Tagebuch heißt es: „….Startabbruch wegen Motoraussetzer in 10 m Höhe. Reparatur in der Nacht. Am nächsten Tag dann Start und Landung in Amberg. Bücker 131 verankert u. abgedeckt, Fliegerei beendet!“.

Harald zog den „Zündschlüssel“ ab und schlug sich Richtung Leipzig bis Torgau durch und wurde dort von seinem Vater abgeholt. Versteckt wurde Harald Yung dann unter den Kohlen auf einem Anhänger. So kam er nach Leipzig und tauchte bis Ende des Krieges unter. Somit kam er nicht in Kriegsgefangenschafft.

Der Auszug aus dem Tagebuch. Harald Yung beendete die Fliegerei jedoch nicht! Nach dem Krieg konstruierte und baute er Flugmodelle.
Harald Yung vor seiner Trainingsmaschine 1943
Harald Yung 3
Eine Kuh musste helfen, diese Arado durch den hohen Schnee zu ziehen.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                

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Percy H. Yung - In diesem Alter konnte Percy noch nicht erahnen, das sein Name später tausende Modellbausätze schmücken würde.

Nach dem Krieg wurde die Familie Yung teilenteignet. Nur ein kleiner Teil des Kohlegroßhandels blieb im Besitz der Yungs. Harald half seinen Vater das Geschäft weiter zu führen. Er hatte das Geschick, die zur Verfügung gestandene Technik zu bedienen und zu warten (ein alter Ford Truck). Sein Vater kümmerte sich eher um das Kaufmännische und den Vertrieb. Auch später, als er ein verlockendes Angebot erhielt, wieder in die Fliegerei einzusteigen, hielt er seinen Eltern und dem Betrieb die Treue und verließ Leipzig nicht. 1948 wurde Sohn Percy Yung geboren. Er blieb das einzige Kind der Familie Harald Yung. Der Name „Percy“ war etwas ungewöhnlich, aber Mutter Mirla Yung wollte damit an die Herkunft der Famile Yung erinnern. Nach dem Tod seines Vaters 1966 übernahm Harald Yung die Firma, erweiterte sie mit einem Fuhrunternehmen und führte Das Unternehmen bis zur Wende 1989.

Seine Interessen waren aber andere. Vor und während des Krieges war es die Fliegerei. Anders als in seinem Tagebuch vermerkt, beendete Harald die Fliegerei nicht. Nach dem Krieg beschäftigte sich Harald aber erst einmal mit der Fotografie. Er machte viele Fotos von Leipzig und entwickelte diese in seinem eigenem Atelier selbst. Einige Bilder zeigten unter anderem den Bau des Leipziger Zentral-Stadions und die Ankunft der großen Dampflokomotive, die im Stadion als Heizung benutzt wurde. Leider sind diese historisch wertvollen Fotos alle abhanden gekommen. 

In der Firma seines Vaters stellte Harald Yung seine weitreichenden und vielfältigen Talente unter Beweis. Hier kümmerte er sich neben dem alltäglichen Geschäft um die Instandhaltung der Maschinen bzw. Fahrzeuge. Aber auch in seiner Freizeit musste er sich immer beschäftigen und irgendwas erschaffen. So konstruierte und baute Harald Yung sein eigenes Auto. Er begann damit im Herbst 1950 und im Sommer 1952 konnte er damit fahren. Dieses selbst gebaute und lange funktionierende Auto zeigt, wie begabt Harald Yung war.

In den 50er Jahren kehrte er zum „Fliegen“ zurück, nun nicht mehr manntragend. Er fing an Flugmodelle zu konstruieren und zu bauen. Sein Sohn Percy erinnert sich an ein großes Reißbrett, auf dem sein Vater die Baupläne zeichnete. All dies geschah meistens in der Küche der Wohnung. Auch der Bau der Modelle fand in der heimatlichen Wohnung statt. Harald seine Frau Mirla war nicht immer glücklich damit: Der ganze Holzstaub und der Gestank von Spannlack sind keine Dinge, die eine Hausfrau in der Küche dulden möchte. Aber sie tat es. Harald wollte jedoch auch Andere an seinen Konstruktionen teilhaben lassen. So schrieb er mit der Schreibmaschine die Bauanleitungen und publizierte die Baupläne über einen Bauplanversandhandel (anfänglich war es die Firma Krick). Im Jahre 1959 fing dann die Zusammenarbeit mit der neu gegründeten PGH HAWEGE an. Die PGH HAWEGE produzierte ab 1959 Modellbausätze für den Handel.

Eines der ersten Modelle, die Harald Yung in Zusammenarbeit mit der PGH Hawege als Bausatz fertigte. Diese AN-2 gab es vor 1959 als Bauplan bei der Firma Krick. Dieses Flugmodell war für den Freiflug konstruiert und konnte mit einem 0,5 bis 1,0 ccm Motor ausgerüstet werden. Die Spannweite beträgt 920 mm.

Percy hatte für den Flugmodellbau keinerlei Interesse. Er erinnert sich an Tage auf dem Fluggelände. Harald ließ seine Modelle fliegen und eine ganze Kinderschar rannte den Modellen hinterher, um sie nach der Landung zurück zu bringen. Percy saß nur im Gras und dachte, was das bloß alles soll. Er hat auch nie ein Flugmodell gebaut. Eines Tages musste Harald nach Schönbrunn reisen, der Sitz der PGH HAWEGE. Er wollte ein neues Modell vorstellen und sprach vor Ort mit dem Verantwortlichen. Percy „durfte“ mit. Eine Reise in das große „Modellbauwerk“, sich einmal die Produktion der Modelle angucken, das wäre doch mal sehr aufschlussreich. Aber Percy hat auch das nicht besonders interessiert. Erinnern kann er sich nur daran, dass der verantwortliche Einkäufer eine Nonne als Frau hatte. Das wiederum fand er spannend und sehr interessant. Harald hat seinen Sohn Percy aber nie zum Modellbau gezwungen. So gingen Vater und Sohn der Interessen wegen verschiedene Wege.

 

Harald hatte viele Gleichgesinnte, auch über die Landesgrenzen hinaus. Er hatte Freunde z.B. in Polen und sogar Australien. Sein Freund Zlim unterstützte Harald mit etwas Material. Er schickte Balsaholz, Japan-Papier und andere zu dieser Zeit schwer zu bekommende Materialien. Auch Fachzeitschriften fanden den Weg nach Leipzig. Durch seine Zusammenarbeit mit der PGH HAWEGE, durften diese Fachzeitschriften durch den Zoll.

Percy H. Yung - Er "konstruierte" 7 Modelle für den VEB MOBA. Auch diese Pilatus Porter. Heute ist sein Interesse diesem Modell gegenüber größer, als damals vor 50 Jahren.

Für Percy war dann auch schon mal ein Mickey Mouse Heft dabei. „…alles in English, aber die Bilder waren toll!“. Auch die oft bunten und vielmals bestempelten Briefe der Luftpost fand Percy interessanter, als oftmals deren Inhalt. Aber Percy wurde dann doch noch „Modellbauer“, denn seinen Namen findet man auf einigen Verpackungen der Modellbausätze. Hier wird er als Konstrukteur genannt. Harald hat sehr viele Modelle konstruiert und die Konstruktionen an die PGH HAWEGE verkauft. Steuerlich betrachtet war das für einen selbstständigen Unternehmer auch schon in der DDR nicht gerade günstig. So musste Sohn Percy herhalten und sein Name „Percy H. Yung“ wurde als Konstrukteur angegeben. Die Vergütungen waren für Percy steuerfrei, da er Schüler bzw. Soldat zu dieser Zeit war. Geregelt hat das alles Harald, Percy hatte hier keinerlei Einblicke. Percy Yung lebt heute mit seiner lieben Frau Martina immer noch in Leipzig. Sie haben mir beide sehr bei meiner Recherche geholfen und mir alle möglichen Informationen zukommen lassen. Ich bedanke mich hier noch einmal für die netten Gespräche. Auch im Namen aller, die ein Modell von Harald Yung gebaut haben, ein dickes „Danke“.

Für die PGH HAWEGE (später dann VEB MOBA bzw. Anker) konstruierte Harald Yung 23 Modelle. Kein anderer Konstrukteur hat diese Zahl erreicht. Sehr bekannt sind seine kleinen Gummimotormodelle der Minigum-Serie. Die Bauweise ist sehr einfach gehalten, so dass Kinder im Grundschulalter keine Probleme hatten, diese Modelle zu bauen. Sie waren robust und flogen sehr gut. Fast jeder Junge in der DDR hatte solch einen Bausatz zumindest in der Hand gehalten. Sehr viele haben diese Modelle gebaut. Oft waren sie der Start für das Hobby Modellflug. Die Modelle Tiger-Moth, RDW 6 und REP 1914 waren da schon aufwendiger und für den Freiflug mit Verbrennungsmotor gedacht. Legendär war der Kobold, dieser Bausatz war aber schwer zu bekommen.

Nachfolgend eine Liste aller Modelle, die Harald Yung für die PGH HAWEGE (VEB MOBA) konstruierte. Sieben der 23 Modelle „konstruierte“ steuerfrei Haralds Sohn Percy. (zum Vergrößern auf das Bild klicken).

                                                                                                                                                                                                                                  

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  

Nach vielen Jahren Flugmodellbau widmete sich Harald Yung dem Eisenbahnmodellbau. An seinem Lebensabend verbrachte er fast jeden Tag im Keller. Hier hatte er eine große Eisenbahnanlage gebaut. Er verstarb am 30.07.2009 in Leipzig. Wir alle werden Ihn und seine Modelle in Erinnerung behalten.